Andacht

Liebe Schwestern und Brüder,

als Überschrift über das Jahr und jeden Tag, den wir erleben, steht das Wort der Jahreslosung aus dem 2. Korintherbrief. Wörtlich übersetzt müsste es heissen: „Meine Kraft ist in der Schwachheit mächtig“. So kann Gott also in den Schwächen der Starken und Schwachen wirken. Wenn wir in die Zukunft blicken, dann ist ja eine Frage, die wir uns möglicherweise stellen: Werde ich all das, was auf mich zukommt schaffen, oder wird mir die Last zu schwer, die ich tragen muss? Werde ich stark sein oder schwach?

Die Jahreslosung wirft ein Licht auf jeden Menschen. Denn jede und jeder erlebt Zeiten der Schwachheit. Wir sind Menschen. Niemand von uns ist immer stark, auch wenn wir es anstreben, stark zu sein. Immerhin lernen wir von Kindheit an, dass wir für unsere Stärken gelobt werden und für unsere Schwächen belächelt oder vielleicht sogar bestraft.

Wie demütigend es ist, schwach oder gar ohnmächtig zu sein, weiss sicher jeder aus eigener Erfahrung. Diese Erfahrung gehört zum Leben dazu.

Das Wort der Jahreslosung sagt uns nun: Ihr habt mehr als die eigene Stimme, das eigene Herz und mehr als die eigene Kraft. Denn sowenig wir uns selbst geschaffen haben, sowenig können wir uns durch das, was wir tun, rechtfertigen.

Es scheint mir eher so zu sein: Je mehr wir Menschen versuchen, uns selbst zu rechtfertigen und uns selbst auszusagen, desto skrupelloser gehen wir mit der Natur und uns selbst um: Mit dem Wasser, der Atemluft unserer Kinder und Enkelkinder, mit den Bäumen und den Tieren. Je mehr wir Gott verlieren, desto mehr treten wir selbst an seine Stelle, in der trügerischen Hoffnung, dass uns das stark macht.

Und dann kann man nur sagen: Gut, dass es die Zeiten der Schwachheit gibt, die uns innehalten lassen und uns an das Geheimnis des Lebens ausliefern.

Wir haben mehr als uns selbst. Gottes Kraft ist in uns mächtig, damit wir erkennen: Es ist nicht nötig, dass wir uns nur auf uns selbst und unser Können verlassen. „Lass dir an meiner Gnade genügen“, hört Paulus im Zusammenhang mit der Jahreslosung. Mit seiner Gnade sieht uns Gott an und wir können aufhören uns selbst zu rechtfertigen, zu entschuldigen oder uns mit unserer eigenen Kraft zu retten versuchen.

Die verstorbene Theologin Dorothee Sölle hat in ihrem letzten Vortrag vor ihrem Tod den Satz gesagt: „Wir beginnen unsere Suche nach Gott nicht als Suchende, sondern als schon Gefundene.“

So wünsche ich uns allen, dass wir das in diesem Jahr erkennen: Gott hat uns schon gefunden. Möge er uns dessen versichern in den Zeiten, in denen wir uns stark fühlen und besonders dann, wenn wir uns schwach fühlen. Etwas Besseres kann niemandem passieren, als zu spüren: Gottes Kraft ist mächtig in mir.

Ihr Pfarrer

Unterschrift Lars Heynen

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